Hinter den Felsen am Fuß des gewaltigen Berges hervor kamen undeutliche Schatten, tuchumwickelte Schatten, bewaffnete Schatten, harte, erbarmungslose Schatten und schlichen im Mondlicht näher. Die Schatten glitten am schmalen Fenster des Hauses vorbei. Vor der Holztür, die unter einem heftigen Schlag zerbrach, drängten sie sich zusammen. Einer der Schatten trat ein, bevor die Hausbewohner erwachten, und packte den Jungen, der neben dem zwölfjährigen Fırat lag, Fırats zwei Jahre älteren Bruder, am Kragen, noch ehe der Junge begriff, was geschah. Dann verwandelten sie das Kind gemeinsam in einen Schatten wie sie selbst. Danach zogen sie sich lautlos durch die Tür zurück, durch die sie gekommen waren. Einer nach dem anderen glitten sie am Fenster vorbei, hielten auf die Felsen zu, von denen sie gekommen waren, und verloren sich in der gewaltigen Dunkelheit der Berge.

Gleich nachdem all dies in kürzester Zeit vorüber war, zündete der Vater die Petroleumlampe an. Die Mutter stürzte barfuß hinaus und schrie „Mein Soooohn!“ in die Dunkelheit, als wollte sie die Dunkelheit verfluchen, vielleicht auch anflehen. Der Schrei der Mutter war voller Schmerz und Verzweiflung. Kaum war der Schrei zu hören, wurden im Dorf die Petroleumlampen angezündet. Die Schatten der Dorfbewohner flackerten über den Dorfpfad. Flackernd reihten sich die Schatten still vor ihren Häusern auf. Ringsum roch alles nach Angst. Angst ist wie ein Dorn, der sich ins Herz bohrt und den herauszuziehen gefährlich ist; ziehst du ihn heraus, blutet es, lässt du ihn stecken, brennt es.

Die dornengleiche Angst mischte sich mit Schmerz, Ungewissheit, Aufregung und Zögern und regnete auf die Schatten herab, die sich vor ihren Türen aufgereiht hatten. Nur ein Schatten kniete vor den anderen, raufte sich mit beiden Händen das lange, wirre Haar und schrie und schrie aus voller Kehle. Der Vater fasste seine Frau, die sich vor den Schatten die Haare raufte, am Arm und zog sie hoch. Da kam von den Bergen das Echo eines einzelnen Schusses. Kaum war der Knall zu hören, warfen sich die Schatten vor dem Haus zu Boden und löschten die Petroleumlampen in ihren Händen. Dann wogten die Schatten im Mondlicht und flossen ineinander. So schnell, wie sie sich versammelt hatten, zerstreuten sie sich. Während die Schatten sich zerstreuten, saß die Mutter auf dem Stein vor der Tür und stöhnte vor Schmerz: „Ihr ehrlosen Hunde, tötet mich! Entweder tötet ihr mich, oder ihr gebt mir meinen Çeto zurück!“

In jener Nacht schliefen die Hausbewohner nicht, bis der Tag anbrach. Keiner sprach mit dem anderen. Sie teilten ihren Schmerz schweigend. Schmerz, den man schweigend teilt, gleicht einer tiefen Messerwunde. Die Familie hatte acht Kinder: Fırats drei ältere Schwestern, sein älterer Bruder Çeto, Fırat selbst, seine zwei jüngeren Schwestern und sein jüngster Bruder.

Als der Tag anbrach, kam mit dem Geruch von Benzin ein Pritschenwagen voller Soldaten vor ihre Tür. Kaum war der Kommandant, der die Soldaten anführte, aus dem Wagen gestiegen, packte er Fırats Vater am Kragen und begann ihn zu ohrfeigen, wobei er brüllte: „Verdammter Dreckskerl! Warst du es, verdammt, der seinen Sohn der Organisation gegeben hat, als einen ihrer Leute?“

Der Kommandant, hart…

Der Kommandant, stark…

Der Kommandant, ein forscher Mann, der überzeugt war, im Recht zu sein…

Die anderen Soldaten, die Finger am Abzug ihrer Waffen, umstellten alles ringsum. Als Fırats Vater Mund und Nase voller Blut hatte, eilte die Mutter herbei und klammerte sich an die riesigen Hände des Kommandanten. Dann begann sie mit leidender, unschuldiger Stimme zu flehen:

„Tun Sie das nicht, Kommandant, lassen Sie das, Kommandant! Warum sollten wir unseren Sohn hergeben? In der Nacht sind sie gekommen und haben ihn verschleppt. Ihr seid der Staat, ihr seid die Starken. Ihr seid es auch, die mir meinen Sohn zurückbringen werden.“

Daraufhin riss der Kommandant seine Hände aus den Händen der Mutter und sah sie wütend an. Als stünde vor ihm kein Mensch, sondern eine Mikrobe, ein wertloses Tier oder ein Zigarettenstummel, den er eben mit dem Fuß zertreten hatte, spie er seine Worte aus:

„Wenn es euch passt, heißt es ‚Ihr seid der Staat, ihr seid die Starken‘; wenn es euch nicht passt, dann ‚Ihr seid Mörder, ihr seid die Bösen.‘ Ihr gebt der Organisation Brot, ihr gewährt ihnen Unterschlupf; und wenn es euch wehtut, sucht ihr bei uns Zuflucht. Seid ihr dem Staat eine Plage, verdammt noch mal?“

Den letzten Satz hatte er mit erhobener Hand und lauter werdender Stimme gesagt. Die Sätze davor dagegen mit spöttischer, dünner Stimme… Seine ganze Rede war drohend und aggressiv.

Der Vater sprach, den Blick zu Boden gesenkt, mit zitternder Stimme:

„Sagt uns, was sollen wir tun, Kommandant? Sollen wir uns alle selbst erschießen?“

Der Kommandant ließ seine Stimme etwas weicher werden und hüllte sich in geheuchelte Güte:

„Ado Efendi, habe ich euch nicht unzählige Male auf dem Dorfplatz versammelt und gesagt: ‚Räumt dieses Dorf, hier ist es nicht sicher‘? Habe ich nicht erst vor drei Tagen den Dorfvorsteher mitgenommen, bin von Tür zu Tür gegangen und habe gesagt: ‚Räumt dieses Dorf sofort, das ist der Befehl des Staates‘?“

„Gesagt haben Sie es, ja, gesagt haben Sie es, aber ist es damit getan, dass man es sagt, Kommandant? Mein Großvater ist hier geboren, mein Vater hat in diesem Haus, in diesem Dorf gelebt. Ich bin in diesem Haus aufgewachsen, meine Kinder sind in diesem Haus geboren. Mögen wir auch arm und mittellos sein, wir haben unser geregeltes Leben, unsere Gewohnheiten. Wie jeder weiß, sind wir bedürftige Menschen. Wo sollen wir leben, wenn wir hier weggehen, wie sollen wir gehen, mit welchem Geld sollen wir uns wo niederlassen? Wie kann der Staat, der zu uns ‚Geht‘ sagt, daran nicht denken? Gut, wir sind unwissend, wir verstehen nichts; versteht denn auch der Staat nichts? Wissen unsere Staatsoberen nicht, wenn sie das sagen, dass es dafür keine Möglichkeit gibt? Hat denn nicht alles seinen rechten Weg und seine Ordnung, Kommandant?“

„Den rechten Weg und die Ordnung wird der Staat nicht von euch Unwissenden lernen! Vom Wenn und Aber verstehe ich nichts, Ado Efendi. Auch wir führen nur Befehle aus; was der Staat sagt, das gilt. Sieh doch, ihr habt nicht gehört, und was ist passiert? Jetzt kommst du daher und jammerst ‚Mein Sohn ist verschleppt worden‘. Woher weiß ich, dass du deinen Sohn nicht selbst der Organisation gegeben hast? Woher weiß ich, dass er nicht, sobald er ausgebildet ist, zurückkommt und diese prächtigen Burschen hier erschießt?“

Während er das sagte, wies er mit der Hand auf die Soldaten, die alles ringsum umstellt hatten.

„Gott bewahre, Kommandant! Findet meinen Sohn und bringt ihn mir.“

„Ja, ja! Für deinen rotznäsigen Sohn soll ich das Leben meiner Soldaten aufs Spiel setzen, was? So wie du deinen Sohn gegeben hast, so geh und nimm ihn dir auch wieder!“

„Wenn ihr uns nicht beisteht, Kommandant, hört das alles nie auf. Wenn der Staat uns nicht unter seine Fittiche nimmt, macht uns die Organisation fertig. Je mehr wir fertiggemacht werden, desto mehr grollen unsere Kinder dem Staat. Der Mensch ist das Echo des Menschen; je lauter du rufst, desto lauter hallt es zu dir zurück.“

Der Kommandant, der keine Antwort darauf hatte, warf ihm einen finsteren, grimmigen Blick zu. Dann zwängte er sich mit seinen Soldaten auf den Pritschenwagen und fuhr rasch davon. Eine lange, dünne Staubwolke, die der Pritschenwagen aufwirbelte, regnete auf die Zurückgebliebenen herab. Haar, Schnurrbärte und Kleider der Menschen, auf die der Staub herabregnete, nahmen eine fahle Farbe an. Entweder waren sie seit jeher so gewesen, oder sie wirkten in diesem Augenblick wie natürliche Teile der fahlen Steppe ringsum.

An das, was vor zwölf Jahren geschehen war, erinnerte sich der vierundzwanzigjährige Fırat, als erlebte er es noch einmal, während er mit der Putzkelle rasch Mörtel an die Wand warf. Die Erinnerung stimmte ihn traurig. Er legte die Kelle neben sich. Nachdem er seine vom Zement verätzten Hände aneinandergerieben und die Mörtelbrocken davon abgeschüttelt hatte, ließ er sich auf das hölzerne Gerüst sinken, an dem er verputzte.

Er schob die rechte Hand unter den Pullover, den seine Mutter gestrickt hatte, zog eine der Zigaretten aus der Hemdtasche und zündete sie an. Er sog den Rauch ein und blies ihn ins Leere. Es war, als hätten sich in den Rauch, den er ausblies, seine Sorgen, seine Nöte, seine Trauer, seine Liebe, sein Schmerz und seine Sehnsucht gemischt. Er hatte einen seltsamen, herben Geschmack im Mund. Das waren Dinge, die mit einem einzigen Atemzug nicht fortzublasen waren…

Wie immer dachte er daran, was aus seinem älteren Bruder Çeto geworden war. War er tot, oder lebte er? Wenn er lebte, wie konnte er seine Spur finden? Er dachte an seine Mutter, die seit zwölf Jahren seufzte und deren Haar darüber weiß geworden war, und seufzte selbst tief auf. Er nahm einen langen Zug von der Zigarette, die fast bis zum Filter heruntergebrannt war, klemmte sie zwischen Daumen und Zeigefinger und schnippte sie heftig fort. Als er wieder begann, mit der Putzkelle Mörtel an die Wand zu werfen, erlebte er jenen Tag in Gedanken noch einmal.

Nachdem der Kommandant mit seinen Soldaten in Staub und Rauch davongebraust war, kam der Vater herein und sagte: „Wir gehen fort, es gibt keinen Ausweg.“ Die Mutter, deren Augen vom Weinen verquollen waren, sah den Vater mit feuchten Augen an:

„Eher sterbe ich, als dass ich meinen Çeto in den Bergen in den Händen der Organisation zurücklasse und fortgehe! Und wohin sollen wir überhaupt gehen, und wie?“, stöhnte sie voller Schmerz.

„Das nimmt kein gutes Ende. Wir haben noch sieben Kinder. Wenn wir hierbleiben, kann uns jeden Augenblick Neues zustoßen. Fortzugehen kann doch nicht bitterer sein, als zu sterben oder noch ein Kind zu verlieren! Verhungert ist noch keiner; wir werden schon nicht sterben! Und ist es nicht Gott, der uns unser täglich Brot gibt?“

Der Vater hatte dies gesagt und das gesagt; schließlich war es ihm gelungen, die Mutter zu überzeugen.

Zuerst wurden die Tiere verkauft. Mit dem bisschen Geld, das sie dafür bekamen, stiegen sie Schritt für Schritt zu Fuß vom Weiler hinab in die Kleinstadt und von dort in die Stadt. In der Stadt nahmen sie den Bus nach Istanbul. Als sie in Istanbul ankamen, gingen sie in das Viertel, in dem ihre Landsleute wohnten, und mieteten ein notdürftig zusammengezimmertes Haus.

Als der Vater am nächsten Tag aus dem Kaffeehaus des Viertels kam, sagte er zu Fırat: „Fıro, morgen früh kommt einer unserer Landsleute und holt dich ab; er nimmt dich als Verputzerlehrling mit auf die Baustelle.“ Seit jenem Tag arbeitete er im Verputzerhandwerk. Zuerst war er Lehrling gewesen, dann Meister geworden.

In jenen Tagen hatte er Zehra gesehen, ihre Nachbarin und Landsmännin. Als Zehra wie ein Spatz an ihm vorbeihüpfte, war es, als hätte sie auch ihn mit sich fortgezogen. Sein Herz war an jenem Tag einem Spatzen hinterhergeflossen. Danach trafen sich lange Zeit ihre Blicke, dann begannen sie miteinander zu reden. Jahre später ging Fırat zum Militär. Während seines Wehrdienstes hörte er mit gespitzten Ohren den Geschichten von Soldaten aus anderen Einheiten über den Kampf gegen die Organisation zu, in der Hoffnung, eine Spur seines älteren Bruders zu finden, doch leider stieß er auf keine Spur.

Seit er vom Militär zurück war, waren sechs Monate vergangen. Seine Familie wollte in diesen Tagen um Zehras Hand anhalten. Inmitten all des Schmerzes war Zehra vielleicht das Einzige, was ihm guttat. Für sie lohnte es sich, alle Mühen zu ertragen. Das Leben erschien ihm trotz allem schön. Denn im Leben gab es Zehra; da konnte er sie umarmen, ihren Duft einatmen, ihre Hände halten und ihr in die Augen sehen.

Immer wieder malte er sich aus, wie er eines Tages irgendwo weit weg ein winziges Grundstück kaufen, darauf aus Ziegeln ein Haus wie eine Schachtel mauern und es mit eigenen Händen verputzen würde. In ihm war eine Hoffnung, doch etwas, dessen Grund er nicht kannte, überschattete diese Hoffnung. Alles Schöne, das ihm widerfahren konnte, hatte ihn stets mit Unruhe erfüllt. Gerade diese Unruhe, deren Quelle er nicht kannte, hatte es ihm jedes Mal schwer gemacht, das Schöne zu erreichen. Jetzt spürte er dieselbe Unruhe, wenn er daran dachte, mit Zehra vereint zu sein. Würde dieses Gefühl, das in ihm überquoll und dessen Quelle er nicht ergründen konnte, ihn daran hindern, mit Zehra vereint zu sein?

Wütend klatschte er den Mörtel von der Putzkelle an die Wand. Es war, als hätte er den Mörtel an die Wand geschlagen, damit seine schlimmen Gedanken im Beton erstarrten. Er sah auf die Uhr. Es war fast Feierabend. Er trug Kelle, Schaufel und Schubkarre zusammen, um sie zu waschen. Es war Winter. Das Wetter war rau und regnerisch. Deshalb hatte er dort, wo er arbeitete, in einer Blechtonne ein Feuer angezündet. Nachdem er sich die Hände gewaschen hatte, hielt er sie ans Feuer und rieb sie warm. Die Zementverätzungen an seinen Händen hatten tiefe Risse hinterlassen. Aus einem dieser Risse sickerte ein dünner Faden Blut. Er achtete nicht darauf. Er war so etwas gewohnt.

Recep, einer der Installateure auf der Baustelle, kam auf ihn zu und sprach ihn schon von Weitem an:

„Na, Kurden-Fırat, machst du schon Feierabend? Dein Feuer brennt ja ordentlich; lass mich ein bisschen die Hände wärmen.“

„Wärm dich nur, Meister Recep. Ich gehe. Vergiss nicht, das Feuer zu löschen, wenn du dich aufgewärmt hast.“

„Wir hätten doch ein bisschen plaudern können. Was ist los, warum haust du gleich ab?“

„Ich muss mit meiner Familie Vorbereitungen treffen. Morgen Abend wollen wir für mich um die Hand eines Mädchens anhalten…“

„Oh, dann alles Gute und viel Glück!“

„Danke, Meister Recep, danke“, sagte er und ging davon.

Als er am Abend nach Hause kam, fand er seine Mutter gedankenverloren am Fenster sitzend.

„Ob dieser Regen jetzt auch dort fällt, wo mein Çeto ist, Fıro?“, fragte die Mutter. Ohnehin verging kein einziger Tag, an dem sie nicht von Çeto sprach.

„Ich weiß nicht, Mutter. Es reicht jetzt; wir wissen nicht, ob er tot ist oder lebendig. Wir wissen nicht einmal, wo er ist.“

„Wärst du eine Mutter, würdest du so etwas nicht sagen, mein Fırat. Wärst du eine Mutter, würdest du so etwas nicht sagen. Er lebt! Wäre er tot, hätte ich es bestimmt gespürt. Mütter spüren das.“

„So Gott will, Mutter. So Gott will, lebt er und kommt eines Tages und findet uns.“

„Er kommt, ja, er kommt. Ich weiß es.“

„Mutter, habt ihr Zehras Familie Bescheid gegeben? Ist es morgen Abend so weit?“

„Haben wir, mein Junge, haben wir. Dein Vater hat Nachricht geschickt; morgen Abend erwarten sie uns. Deine Schwestern, die älteren wie die jüngeren, haben wir verheiratet. Uns sind nur noch du und dein kleiner Bruder geblieben. Jetzt gehst auch du fort; davor habe ich Angst.“

„Wohin soll ich denn gehen, Mütterchen? Ich miete eine Wohnung hier in der Nähe. Mach dir keine Sorgen; wir kommen jeden Abend zu dir. Selbst du wirst uns noch satthaben.“

„Kann man einen Sohn satthaben, kann man ihn überhaupt je satthaben? Was redest du da?“

Der Vater arbeitete seit Jahren als Pförtner in einer Fabrik. Nach einer Weile kam auch er nach Hause. Sie besprachen die Brautwerbung, sahen fern und aßen zu Abend. Die Mutter brachte wieder die Rede auf Çeto. Weil sie am nächsten Abend um Zehras Hand anhalten wollten, war eine neue Farbe in ihr Leben gekommen. Sie waren eine Familie, die mehr schlecht als recht über die Runden kam. Auch wenn sie sich nicht ganz an das Stadtleben gewöhnen konnten, versuchten sie, irgendwo zwischen Dorf und Stadt Halt zu finden.

Unglücklich waren sie nicht, glücklich aber auch nicht. Sie waren Menschen wie Millionen andere, deren Tage alle gleich verliefen. Doch auch Menschen, deren Tage alle gleich verliefen, hatten, wenn auch selten, andere, aufregende Zeiten. Dank der Vorbereitungen für die Brautwerbung erlebten auch sie gerade einen solchen Tag.

Die pechschwarzen Wolken, die den Himmel füllten, hatten das Licht kaum noch zur Erde durchgelassen und den Tag in das Zwielicht des Abends verwandelt. Die graue Stadt Istanbul war noch grauer geworden. Der Regen hing in der Luft, jeden Augenblick, jede Sekunde konnte er fallen.

Fırat ging barfuß durch Straßen und Gassen. Da kam er in eine Sackgasse. Am Ende der Gasse tauchte die undeutliche Silhouette eines Menschen auf. Voller Angst ging Fırat auf diese Silhouette zu. Je näher er kam, desto deutlicher wurde die Silhouette. Es war Çetin, sein vierzehnjähriger älterer Bruder. Er war kein bisschen größer geworden; so, wie ihn die Schattenmänner verschleppt hatten, stand er vor ihm.

„Çeto“, stöhnte Fırat, doch er brachte keinen Laut heraus.

Çeto sah ihn starr und unverwandt an. Er war wie eine gefrorene Statue. Zuerst sah er auf den Boden, dann zum Himmel und schließlich auf Fırat. Seine eiskalten Augen erinnerten an den leeren Blick eines Toten. Dann streckte er die Hände parallel zum Boden aus. Aus seinen Händen begann Blut zu strömen wie Wasser, das unter Druck aus einem Brunnen schießt.

Fırat rannte hin, ergriff Çetos Hände und versuchte, das Blut zu stillen. Das Blut schoss Çeto geradezu aus den Fingerspitzen. Fırat war über und über mit Blut bedeckt. Das Blut begann, die Gasse zu füllen, in die Häuser zu dringen und immer höher zu steigen. Çeto und Fırat steckten bis zum Hals im Blut. Dann stieg das Blut, stieg immer weiter; es begann, ihnen beiden in den Mund zu dringen. Fırat, der kurz davor war zu ertrinken, schrie mit letzter Kraft auf.

Als seine Mutter ihn kräftig rüttelte, schlug er die Augen auf.

Der Schweiß strömte ihm von der Stirn, vom Hals und unter den Augen hervor.

„Hast du einen Albtraum gehabt, mein Junge? Von deinem Schreien sind wir aufgewacht“, sagte die Mutter.

Fırat war irgendwo zwischen Traum und Wirklichkeit hängen geblieben. Der Traum war so wirklichkeitsnah, dass er ihn geradezu daran hinderte, in die Wirklichkeit zurückzukehren. Als Fırat sich gefasst hatte und endlich in die Wirklichkeit zurückgekehrt war, beschloss er, seiner Mutter den Traum nicht zu erzählen. Um ihrer Frage auszuweichen, sagte er nur:

„Ich weiß nicht, Mutter, ich erinnere mich nicht.“

In diesem Augenblick war von fern ein Gebetsruf zu hören. Als Fırat den Gebetsruf hörte, begriff er, dass es Morgen war.

„Ich gehe heute nicht zur Arbeit, Mutter. Zehra und ich gehen Versprechensringe kaufen. Schlaf du, ich schlafe auch noch ein bisschen und stehe dann auf.“

Während seine Mutter ihn zudeckte, sagte sie:

„Schlaf du, mein Junge. Wenn ich mein Gebet verrichtet habe, setze ich Tee auf, und dann wecke ich dich.“

Seine Mutter sagte das zwar, doch wie es so geht, fand Fırat keinen Schlaf mehr. Er heftete den Blick an die Decke und begann nachzudenken. Wie seltsam das Leben war, ja unverständlich. Vielleicht war das Leben verständlich, und nur er selbst verstand es nicht. Auch wenn er es seiner Mutter nicht sagte, gab eine Stimme in ihm ihr recht. Ja, Çetin konnte noch am Leben sein. Die Organisation verschleppte solche Kinder, formte ihren Geist, zog sie zu staatsfeindlichen Militanten heran und trieb sie in den Krieg.

Auch Çetin konnte auf diese Weise herangezogen und mitten in den Krieg getrieben worden sein. Er selbst war zum Militär gegangen, hatte achtzehn Monate als türkischer Soldat gedient und war zurückgekehrt. Sein älterer Bruder dagegen, mit dem er aus demselben Mutterleib stammte, mit dem er den Löffel in denselben Topf getaucht hatte und der, während sie im selben Bett schliefen, von seiner Seite verschleppt worden war, konnte zu einem erbitterten Feind der türkischen Soldaten herangezogen worden sein.

Er konnte nicht verstehen, wer es war, der den Bruder zum Feind des Bruders machte, und wozu und wem das diente. Welches Problem konnte denn ein Bruder mit seinem Bruder haben? Von Brüdern ganz abgesehen, hatten selbst ein Kurde und ein Türke in Wahrheit kein Problem miteinander. In Istanbul hatte niemand zu ihm „Du bist Kurde; hier kommst du nicht rein, das bekommst du nicht“ gesagt. Auch er hatte gegen einen Türken keine Feindschaft gehegt. Sein Vater wie er selbst hatten Wehrdienst geleistet, die Großväter hatten für diese Erde gekämpft. Was also war es, das sie in ihrem Dorf nicht schützen konnte und sie geradezu in diese Stadt getrieben hatte? Warum wuchs der Streit zwischen Kurde und Türke bei denen da oben, während im Volk das Alltagsleben seinen eigenen Lauf nahm?

Es war unmöglich zu verstehen. Vielleicht war es möglich, und nur er selbst verstand es nicht. Doch was es auch sein mochte, er war vom Staat tief im Herzen gekränkt.

Weil der Staat den verschleppten Bruder nicht gefunden und zurückgebracht, sie aus ihrem Dorf verjagt, sie damals beleidigt und ihn um sein Recht auf Bildung gebracht hatte, war er vom Staat tief im Herzen gekränkt. Je mehr er sich an seine Kindheit erinnerte, desto besser verstand er jetzt. Die Organisation kam und sagte: „Wenn ihr uns nicht Mehl, Zucker, Öl gebt, wenn ihr nicht aus der Kleinstadt holt, was wir verlangen, töten wir euch.“ Dann kam der Staat und sagte: „Wenn ihr der Organisation helft, verprügeln wir euch, töten wir euch, hängen wir euch, schlachten wir euch ab, vertreiben wir euch.“

Was für ein Unglück es war, oben in den Bergen zwischen diesen zwei Feuern zu stehen, verstand er jetzt noch viel besser. Je mehr er verstand, desto wütender und gekränkter wurde er, auf die Organisation wie auf den Staat. Und je wütender und gekränkter er wurde, desto mehr taten ihm seine Mutter, sein Vater, seine Geschwister, seine Landsleute und sein eigenes Leben leid.

Während er sich, in diese Gedanken versunken, unruhig im Bett hin und her wälzte, schreckte er bei der Stimme seiner Mutter auf:

„Fıro, das Frühstück ist fertig. Dein Vater und ich warten auf dich.“

Als er die Stimme hörte, stand er auf und zog den Vorhang zurück. Kaum hatte er ihn geöffnet, strömte das Licht wie Wasser herein. Der Himmel war bedeckt. Die pechschwarzen Wolken, die er letzte Nacht im Traum gesehen hatte, begannen sich am Himmel zusammenzuballen. Auf der Straße wühlten Katzen im Müll.

Es war eines jener Viertel, die man Schwarzbausiedlungen nennt und in denen die Menschen lebten, die aus dem Osten und Südosten gekommen waren. Die Häuser hatten ein, zwei, drei Stockwerke; stellenweise vier oder fünf. Manche waren verputzt, manche nicht; manche hatten ein Dach, manche keines. Alle waren ohne Bebauungsplan gebaut worden. In diesen Vierteln kannte jeder jeden und wusste, wer was war. Auch wenn es oft Streit gab, war dieser Ort über die Jahre für sie zu einem wahren Zuhause geworden.

Auch seine älteren und jüngeren Schwestern hatten in diesem Viertel geheiratet und sich hier niedergelassen. Die Bewohner des Viertels hatten der Stadtverwaltung über die Jahre Wasser, Wege, Strom und Verkehrsanbindung Stück für Stück abgetrotzt; ihre Häuser, ihre Gassen und ihr Leben hatten sie mit eigenen Händen aufgebaut.

Als er seine aufgesprungenen Hände unter das Wasser hielt, spürte er, wie jeden Morgen, wieder den feinen Schmerz, an den er gewohnt war. Er achtete nicht darauf. Er wusch sich Hände und Gesicht und setzte sich an den Frühstückstisch.

„Hast du heute Nacht einen Albtraum gehabt, mein Junge? Du hast so geschrien“, sagte seine Mutter und holte Fırats Gedanken an den Frühstückstisch zurück.

„Ich hab doch gesagt, Mutter, ich erinnere mich nicht“, antwortete er.

„Ist ja gut, iss dein Frühstück. Zehra macht sich also schon fertig; nach dem Frühstück holst du sie ab, hast du gesagt. Ihr wollt zusammen nach Ringen schauen gehen.“

„Wenn alles gut geht, Mutter“, sagte Fırat.

Sein Vater vervollständigte Fırats Satz mit den Worten „Wenn alles gut geht, ja, wenn alles gut geht“.

Nach dem Frühstück verließ er das Haus und klopfte eine Gasse weiter an die Tür von Zehras Haus. Als hätte sie hinter der Tür schon bereit gewartet, öffnete Zehra sofort und kam heraus. Ihre Blicke trafen sich. Fırat nahm Zehras Hand, und gemeinsam gingen sie die Gasse entlang.

„Es gibt gleich Regen“, sagte Fırat.

„Ja“, antwortete Zehra.

„Hast du dich warm angezogen?“, fragte Fırat.

„Hab ich, hab ich“, sagte Zehra.

„Wenn alles gut geht, halten wir endlich um deine Hand an, und in mir ist so eine seltsame Aufregung“, sagte er, und Zehra warf sofort ein:

„Frag nicht, mir ist auch, als würde mir das Herz aus der Brust springen.“

Eine Weile gingen sie schweigend bis zur Haltestelle. Ihre ineinander verschlungenen Hände gaben beiden Kraft. Es war, als wären sie gegen den Wind des Lebens ein einziger Leib geworden und gingen gemeinsam.

Blitze begannen zu zucken. Ein leichter, kalter Nordostwind wehte, ließ die Bäume rascheln und trieb weggeworfenes Papier und Plastikfetzen über den Boden. Sie gingen hinunter zur Hauptstraße, sieben Gassen unterhalb des Viertels. Sie betraten den einzigen Juwelier an der Straße und kauften von den billigsten je einen Versprechensring.

Als sie wieder herauskamen, sagte Fırat:

„Ich gehe heute nicht zur Arbeit. Soll ich mit dir ein bisschen in die Stadt fahren und dich herumführen? Am Nachmittag sind wir zurück.“

Als hätte sie auf ein solches Angebot nur gewartet, warf Zehra sofort ein:

„Das wäre sehr schön, komm, führ mich ein bisschen herum.“

Zehras langes Haar, kraus und lockig, ließ ihre großen grünen Augen noch deutlicher hervortreten. Ihre kleine, sommersprossige Nase wirkte zwischen den hohen Wangenknochen reizend. Ihre Lippen waren voll und feucht. Wenn sie lächelte, breitete sich das Lächeln über ihr ganzes Gesicht aus, und in ihrem breiten Mund zeigten sich perlweiße Zähne. Sie war ein schönes Mädchen.

Fırat dagegen war groß und von dunklem Teint; sein Haar war glatt und kurz. Die schwarzen Augen unter den dichten Brauen blickten mit einem rauchigen, traurigen Ausdruck in die Welt. Im Dorf hatte jeder gesagt, dass sich an Fırat und Çeto die Augen am meisten glichen.

Sie nahmen den Stadtbus nach Eminönü. Sie spazierten am Kai entlang. Hinter dem Geländer der Galatabrücke schauten sie aufs Meer. Sie aßen Fischbrötchen und tranken sauren Rübensaft dazu.

Im Gedränge gingen sie in Richtung Mahmutpaşa, die Hände ineinander verschlungen. An den Ständen kaufte Fırat für Zehra Tand und Flitter und dazu ein bedrucktes Kopftuch. Er brannte und verzehrte sich danach, Zehra alles zu kaufen, was er sah und was ihm gefiel, hätte er nur Geld gehabt. Was er mit seinen bescheidenen Mitteln geben konnte, gab er ohne Zögern.

Sie waren Menschen, die es verstanden, mit wenig glücklich zu sein. Das endlose Unglück derer, die großen Wünschen nachjagen, kannten sie nicht; sie waren dankbar für das, was sie hatten, und begnügten sich damit.

Nachdem sie über den Sultanahmet-Platz geschlendert waren, gingen sie wieder Hand in Hand bis zum Beyazıt-Platz. Es war schon ziemlich spät geworden.

„Gehen wir jetzt“, sagte Zehra.

„Ja, gehen wir“, sagte Fırat.

In diesem Augenblick brachten die Wolken, die sich seit dem Morgen zusammengeballt hatten, und die zuckenden Blitze endlich den Regen. Mit einem Mal goss es in Strömen. Mit nassem Haar rannten sie los und flüchteten sich in die überdachte Haltestelle. An der Haltestelle suchten viele Menschen entweder Schutz vor dem Regen, oder sie warteten auf einen Bus. Wegen der Menge hatten sich die Menschen eng aneinandergedrängt. Viele von ihnen waren halb nass, halb trocken.

Der Regen nahm mit aller Macht zu. Das Wasser, das von den Rändern des Haltestellendachs lief und sich am Boden sammelte, begann am Bordstein entlang wie ein Bach zu fließen. Ein Bus kam. Die meisten Menschen stiegen in diesen Bus. Der Bus, auf den Fırat und Zehra warteten, war noch nicht gekommen. Mit ihnen warteten nur wenige Menschen weiter an der Haltestelle und sahen dem Regen zu.

In denselben Minuten warteten im leeren Büro eines Geschäftshauses, von dem aus man die Haltestelle sah, einige Männer. Einer von ihnen beobachtete mit dem Fernglas die Haltestelle und ihre Umgebung. Es war Çeto, der vor zwölf Jahren in die Berge gebracht worden war. Der verschleppte vierzehnjährige Junge war in den Lagern der Organisation großgezogen worden, unter verschiedenen Decknamen in allerlei Taten hineingezogen worden und mit den Jahren zu einem der Männer geworden, die bei Taten in den Metropolen Aufgaben übernahmen.

Fünf Tage zuvor war er aus Europa in die Türkei eingereist und hatte sich mit den Leuten der Organisation in Istanbul getroffen. Die Bombe, die sie gemeinsam vorbereitet hatten, hatten sie einem Kind in die Hand gegeben und die Tasche vor einer halben Stunde an der Haltestelle abstellen lassen. Jetzt warteten sie darauf, dass die Bombe explodierte.

Als Çeto durch das Fernglas auf die Haltestelle blickte, sah er in Fırats Gesicht zuerst eine undeutliche Spur aus dessen Kindheit. Dann machte er die schwarzen Augen unter den dichten Brauen aus. Jene Augen, von denen im Dorf alle gesagt hatten, sie glichen seinen eigenen… Den kleinen Bruder, der neben ihm gelegen hatte, erkannte er Jahre später an den Augen.

Er schleuderte das Fernglas zu Boden. Die Bombe hatte einen Zeitzünder, und bis zur Explosion blieben nur noch Sekunden. Er rannte die Treppe hinunter.

In diesem Augenblick tauchte in der Ferne ein junger Mann auf, der schreiend auf die Haltestelle zurannte. Er sagte etwas Unverständliches, doch der Lärm der Stadt und das Rauschen des Regens ließen nicht zu, dass man seine Worte hörte.

Der Mann rannte wie besessen und rief, während er näher kam, immer und immer wieder dasselbe Wort:

„Lauft! Lauft!“

Fırat begriff nicht, wer dieser Mann war, der auf sie zurannte. Der Mann aber rannte mit aller Kraft, um seinen Bruder zu erreichen, mit dem er vor Jahren im selben Bett geschlafen hatte.

Genau in dem Augenblick, als der schreiende Mann die Haltestelle erreichte, gab es eine furchtbare Explosion.

Mit einem Schlag war ringsum der Weltuntergang ausgebrochen, mit dem Lärm der Explosion, den Schreien der Menschen und dem Klirren berstender Scheiben. Der Regen fiel mit aller Macht. Im letzten Augenblick warf sich Çeto über Fırat. Durch die Wucht der Explosion wurden Fırat ein Bein und Zehra der rechte Arm abgerissen. Auch in Çetos Stirn bohrte sich eine große Glasscherbe.

Ringsum versank alles mit einem Mal im Chaos. Das Blut auf dem Boden vermischte sich mit dem Regenwasser. Nach der Explosion zuckte ein furchtbarer Blitz. Das Licht des Blitzes erhellte für einen Augenblick das Blut auf dem Boden, die abgerissenen Gliedmaßen und die reglosen Körper.

Fırat sah einen Schatten, der sich über ihn legte. Dann konnte er ausmachen, wie auch Zehra gleich einem Schatten neben ihn fiel, und das Blut ringsumher. Das Letzte, was er sah, war Blut, das sich mit Regenwasser vermischte, und das Letzte, was er hörte, war der Donner, der auf einen furchtbaren Lärm folgte.

Viele Menschen waren verletzt worden, viele Menschen waren gestorben.

Zehra nahm ihre letzte Kraft zusammen und berührte mit der Hand, die heil geblieben war, Fırats Haar. Dann erstarrten ihre Augen an einem Punkt.

Mit der Tat, die er vorbereitet hatte, hatte Çeto seinen Bruder, die Frau, die sein Bruder liebte, eine große Zahl unschuldiger Menschen und schließlich sich selbst getötet. Töten war weder die erste Tat des Menschen noch die letzte; die Geschichte war befleckt von Blut, das man vergoss und vergießen ließ, nicht nur, um zu überleben, sondern um Macht anzuhäufen.

An jenem Tag, an jener Haltestelle, nahm der Regen das Blut und der Donner die Hoffnung; der Schatten aber blieb über diesem Land.

ENDE